Samstag, 19. Mai 2012

Eine Antwort, die alle Fragen stellt

 
Ein Philosophie-Student erzählte mir mal, dass das erste, was er in seinem Studium gelernt hatte, die Tatsache gewesen ist, dass wir im Grunde genommen rein gar nichts wissen. Das war wohl so ziemlich das Erleichterndste und Erschreckendste zugleich, was ich jemals hörte. Denn obwohl ich ein wirklich überaus großer Fan vom Deuten und Dechiffrieren bin, ist es wohl so, dass auch der größte Analytiker irgendwann an den Punkt kommt, Gewissheit haben zu müssen. Weil wir manchmal mit all dem Rätselraten gegen die Wand fahren. Und große Gefahr laufen, dabei den eigenen Kopf zu verlieren. Ich frage mich: Wann haben wir damit angefangen, zwischen den Zeilen zu lesen? Und vor allem: Warum? Wieso ist ein Wort kein Wort mehr und eine Tat nur noch Symbolik? Warum regiert Rhetorik den Alltag und nicht die Botschaft selbst?


Es gibt Dinge im Leben, bei denen ein Buch, das alle Antworten hat, mehr als hilfreich wäre. Spätestens dann, wenn wir uns bewusst werden, auf der Stelle zu treten. Denn manchmal kann so ein direkter Fakt ungeahnte Dynamik auslösen. Was wir also bräuchten, wäre quasi eine Enzyklopädie der emotionalen Intelligenz. Zumindest hätten wir dann die Wahl, könnten uns selbst überprüfen. Doch stattdessen verirren wir uns mehr und mehr in einem Taumel von Hoffen und Glauben, Meinen und Denken ­– ohne dabei auch nur den geringsten Schimmer zu haben. Also fangen wir an, zu ergründen, alles hervorzukramen, jedes Einzelne findet seine eigene Beleuchtung. In welchem Licht? Das ist wohl stimmungsabhängig und beugt sich der mentalen Persönlichkeit des Individuums. Wo bereits das vielleicht grundlegende Problem liegt: Wie können wir uns sicher sein, dass das Gesendete auch empfangen wird? Oder besser: Wie groß ist die Chance, dass wir das, was gesendet wird, auch tatsächlich empfangen?
Wenn der Philosophie-Student, mitsamt seiner Mitstudenten, Professoren und Institutionen, tatsächlich recht hat, wenn wir wirklich nichts wissen können, dann würde das bedeuten, dass wir immer und nie eine Chance haben; dass wir alles und nichts erreichen. Die Frage: Ist das jetzt gut oder schlecht?

Montag, 7. Mai 2012

Physische Psyche


Es gibt Situationen, in denen könnten wir unserem Gegenüber nicht näher sein: wie dem Gynäkologen beim halbjährlichen Eierstock-Check, dem Psychologen, dem wir zum hundertsten Mal den Sandkasten-Traum von vorletzter Woche als starkes Symbol unseres kindheitlichen Sehnens verkaufen wollen — oder dem Dunkelhaarigen, der uns gerade auszieht, nachdem er uns angezogen hatte, bevor wir ihn auszogen.



Dem Einen sind wir körperlich nah, dem Anderen emotional. Und in den seltensten Fällen vielleicht sogar beides. Doch was ist zuerst? Was bedeutungsschwerer?
Zweifellos ist die geistige Verbindung wohl die kompliziertere. Denn sie existiert durch die Komplexität des Denkens, durch das Erkennen von Zusammenhängen und Gemeinsamem. Sie ist eine intellektuelle Fessel, die wir uns gern anlegen lassen, doch deren Enge immer wieder zu justieren gilt. Die Doktoren der Seelenforschung haben schließlich studiert.
Körperliche Anziehung ist primitiver. Das ist der Moment, in dem wir kurz mal gar nichts denken, nur machen; in dem sich nichts falsch oder richtig anfühlt. Das triebgesteuerte Verhalten impfte man uns ein, um die Art zu erhalten. Wie sollte auch auf der Hand liegen, ob der traumtänzerische Homo erectus, der die magentafarbenen Blütenblätter genauso leidenschaftlich sammelt wie wir, auch das produktivere Sperma hat? Weil psychische Gemeinsamkeiten nicht die Art erhielten, konzentrierten wir uns auf Gerüche, Geschmäcker; optische Reize.
Das ist außerdem die Wurzel des Mythos vom "besten Freund": ein Junge, mit dem das Mädchen Pferde stehlen will, an dessen Schulter sie sich ausweint, weil ihr das Herz gebrochen wurde und von dessen Mutter sie geliebt wird. Sie findet ihn klug, hübsch, nett und weiß, dass er sie nie enttäuschen wird. Ins Bett geht sie trotzdem mit einem anderen. Weil da nichts ist, was knistert, was ihr unerklärlich heiß werden lässt, was sie zum Nichtdenken animiert.
Wir wissen also um die Seltenheit der geistigen Verbindung, möchten aber unsere Gene mit jemandem vermischen, der uns in erster Linie den Kopf ausschaltet. Indizien dafür sind bekannte Floskeln des Entsetzens: "Warum verdammt?" Und manchmal stellen wir uns diese Frage sogar selbst. Antworten finden wir keine. Weil es keine gibt. Weil die Tatsache Antwort genug ist.

Sonntag, 6. Mai 2012

Schritt für Schritt



Angeblich verarbeiten wir Trauer normalerweise in fünf Schritten:
1. Leugnen  
2. Zorn 
3. Verhandlung 
4. Depression 
2. Zorn (erneut) 
5. Akzeptanz
Wenn wir über eine sehr lange Zeit hinweg emotional auf der Stelle getreten sind, ist die Einsicht darüber erschreckend. Dieses tiefe Erschüttertsein sorgt dafür, dass wir es gar nicht abwarten können, den nächsten Schritt zu machen. Und plötzlich machen wir so viele, dass wir davonlaufen.
Bis zu dem Punkt, an dem wir auch das erkennen. Dann atmen wir durch, wagen einen zurück – um all das Revue passieren zu lassen, es zu überblicken – und können endlich unser eigenes Tempo finden.

Montag, 23. April 2012

Wann laufen Erinnerungen ab?

 
Hin und wieder gibt es im Leben Dinge, an denen wir unabdingbar festhalten. Wie die alte Lieblings-Jeans, in der wir vor fünf Jahren noch den vielleicht geilsten Hintern unserer Zeit hatten, das blaue Kleid, das uns bei all den ersten Dates erneut dieses „Je ne sais quoi“ empfinden ließ oder Omas Porzellan-Schale – die vielleicht tatsächlich hässlich ist, aber uns immer wieder das Gefühl von Weihnachten ’98 durch den Körper jagt.

 

Diese Objekte leben von Erinnerungen. Sie sind emotionaler Nippes. Und solange sie uns ein beherztes Lächeln und warme Gedanken verschaffen, ist ihr Dasein auch berechtigt – irgendwie. Doch im Laufe der Jahre sammelt sich außerdem eine Menge jener Dinge an, die uns zurück ins Gedächtnis rufen, wie wir vor bestimmter Zeit niedergeschlagen und hoffnungslos vor uns hin kauerten – der festen Überzeugung, das würde ewig so sein. Diese Dinge, meist Fotos, Briefe oder verdrängte Telefonnummern auf Zetteln, sind nicht zwingend hübsche Deko. Eigentlich wollen wir sie gar nicht mehr sehen. Darum schoben wir sie irgendwann in hinterste Ecken von Schubladen, klemmten sie in ungeliebte Bücher oder legten sie auf den „Das schmeiß ich alles weg, ernsthaft!“-Stapel. Und dort existieren sie dann vor sich hin. Bis ein zu später Abend hereinbricht und uns die Melancholie der zweiten Weinflasche umarmt.
Was kann uns ein Stück Papier geben? Das Bild eines Moments, der jetzt nicht mehr ist. Die Zahlen einer Nummer, die man nie wieder wählen wollte. Oder die Worte, die sich ewig in unser Bewusstsein fraßen – bis wir sie aufschrieben, um sie zu vergessen. Welchen Sinn macht es da, diese Protokolle schrecklicher Augenblicke aufzuarbeiten? Wie lang ist zu lang, sich erinnern zu wollen?

Freitag, 20. April 2012

Im Gespräch mit ihr


„Es jährt sich“, sagt sie, als sich das Weinglas füllt. Ich hatte eine unüberschaubare Zeit lang nichts mehr von ihr gehört. Was wir beide nicht sonderlich bedauerten. Denn eigentlich dachten wir, wir würden uns nie wieder sehen. Und das wäre gut so.
Zwischen uns hatte sich ein scheinbar nicht zu überwindender Abgrund aufgetan – weil wir in manchen Dingen einfach zu ähnlich sind, um in anderen so verschieden sein zu wollen. Das letzte Mal waren wir uns kurz vor dem Jahreswechsel begegnet. Es passte nicht mehr und ich war froh, als diese kurzzeitige Zusammenkunft endete.
Doch an diesem Abend treffe ich sie wieder. Sie sieht gut aus. Das Lächeln scheint weniger gefälscht und der leere Blick, der die letzten Male so verstörend auf mich wirkte, ist voll von Fassung und Einsicht. Ich habe das Bedürfnis, sie in die Arme zu nehmen. Aber dafür ist sie zu verschroben. Und ich irgendwie auch. Also redet sie, während ich zuhöre.

Es jährt sich. In einem Monaten wird es verdammte 366 Tage her sein, dass sie in der S-Bahn die Nachricht erhielt – an einem Freitag, den 13.; kurz bevor sie den Vertrag eines neuen Jobs unterschrieb, den sie hassen werden würde. Sie musste aussteigen. Ihr physisches Ich konnte sich nicht entscheiden: Musste sie weinen oder würgen? Sie fühlte sich in einen spektakulären Raubüberfall mit tödlichem Ende verwickelt: geschubst, gefallen, das Messer im Rücken – von hinten durchs Herz gerammt, um dann ganz langsam zu verbluten.
Die Leute drängten sich an ihr vorbei. Sie stand im Weg. Aber sie konnte nicht anders. Sie konnte nicht weg, sie wollte sich nicht bewegen. Ihre Ohren sausten, ihr wurde schwindelig und der Reiz in ihrem Hals stärker. Tausend Fragen waren offen – die sich jetzt im Sekundentakt potenzierten.
Hastig tippte sie wirre Buchstaben in ihr Blackberry, in der Hoffnung, den Zeit-zurückdrehen-Code zu entschlüsseln oder die Ungeschehen-Taste zu drücken. Mindestens die Ich-verstehe-Option zu finden. War es nicht ein verdammtes Smart-Phone? Aber es ging nicht mehr zurück, seit es angefangen hatte; dieses grausame Trauerspiel war nicht mehr zu streichen und verstanden hat sie bis heute nicht.
Das, was sich über unzählige Akte hingezogen hatte, war plötzlich nichts. Gar nichts. Eine Fata Morgana, die dem übermäßigen Mangel an Selbstwert entsprang. Die Antihelden-Story, die nur Sinnestäuschung war.
Dieser Tag war nicht der letzte, wenngleich der endgültigste. Alles was danach kam, war nur noch verworrener als zuvor. Es war die leidigste Zerstörung, die sie je hatte mit ansehen müssen – und in der Hauptrolle ihr Gesicht.
Hatte sie sich doch über all die niederschlagenden Momente hinweg blindlings an ihn geklammert: ihren Glauben. Sie hatte ihn verteidigt, ganze Argumentationsketten formiert. Denn wann immer jemand versuchte, die von ihr selbstgeschriebene Geschichte zu analysieren, schmetterte sie diesem alle Weil- und Aber-Formationen entgegen, die ihr hübsches Köpfchen bis dahin zusammengetragen hatte. Und nun musste sie feststellen, dass sie falsch lag. Dass der vermeintliche Durchblick falsch war. Einfach falsch. Diese zwei Zeilen auf ihrem Display machten das unmissverständlich deutlich.
Sie ließ sich von der Masse wieder in die Bahn schieben, suchte einen Fensterplatz. Den Rücken gerade und den Blick aus dem Fenster in die Leere gerichtet, schlug sie die Beine übereinander und drehte die Musik lauter. Das war der Moment, in dem sie keine Ausrede mehr für ihn hatte, keine Entschuldigung, kein Verständnis. Es war das erste Mal, dass sie es so sah, wie es war: zu Ende.

Während der letzte Rest aus der Flasche ins Glas läuft, ist es der gewohnte Blick, der mich packt. So unendlich traurig. Sie hat sich nicht verändert, sie steht noch immer an dieser Kreuzung, deren richtiger Weg einzuschlagen gilt. Und mir wird bewusst, dass ich sie vermisst habe. Weil Dinge nicht besser werden, wenn wir sie von uns schieben. Aus den Augen heißt nicht aus dem Sinn. Manches bleibt viel länger, als es uns lieb ist. Und alles was wir tun können, ist versuchen, damit umzugehen: stärker werden, um es in den Arm zu nehmen und ihm über die Straße zu helfen. 

Donnerstag, 19. April 2012

Unerwartet überrumpelt


Das Ding an Überraschungsmomenten ist, dass du nie vorhersehen kannst, ob sie dich jetzt glücklich machen – oder dir die Schamröte ins Gesicht treiben. Selbst an Orten, an denen du dich in vollkommener Sicherheit wiegst, kann es passieren, dass dir das Unvorhersehbare mit voller Wucht gegen die Stirn klatscht. Was wir dann tun können? Das Gesicht wahren. Wir streichen uns die Haare aus dem Gesicht und lächeln dem Abstrusen souverän entgegen – ganz egal, wie prekär die Lage scheint. Ist es dann überstanden, können wir uns die Haare raufen, auf die Lippen beißen, hysterisch umherspringen und mit den frisch lackierten Nägeln die Fäuste ballen, ernsthaft gewillt, dem nächstbesten körperliche Gewalt anzutun. Aber so einfach ist das nicht. 
 
Es scheint nicht klar, ob der Tatvorgang selbst Auslöser unseres plötzlichen Adrenalin-Überschusses ist. Fest steht nur: Komische Aktionen passieren in komischen Momenten. Denn die Situation ist nicht geplant, nicht durchdacht. Es gibt keine Anzeichen. Nicht das Geringste könnte uns davor warnen. Wir sind unvorbereitet.
Vielleicht ist es eine Frage der Spontanität. Doch wie spontan kann sich schon ein Gefühlsausbruch in Zurückhaltung üben? In diesen Augenblicken werden wir meilenweit in die Urzeit katapultiert – da, wo Triebgesteuertes noch obere Priorität hatte und es nur ums Überleben ging. Was auch für den ein oder anderen Überraschungsmoment ein wünschenswerter Ausgang wäre. Es ist demnach nicht immer möglich, die Fassung zu behalten. Also rennen wir los, panisch, stolpern, verschlucken uns, kippen Dinge um oder – im schlimmsten Fall: der Versuch, das Gesicht zu verdecken und in Anonymität zu versinken. Fatal, weil es nicht funktioniert.
Wir können uns auf derartige Umstände nicht einstellen. Denn wenn es soweit ist, gibt es immer noch ein skurrileres Verhaltensmuster. Wie nervöses Lachen. Oder einfach nur da zu stehen – und plötzlich gar nichts mehr zu machen.

Sonntag, 15. April 2012

Sonntagsblues


Jeder Tag hat die Möglichkeit, der beste zu werden – hypothetisch betrachtet. Es sei denn, es ist ein Sonntag.
Denn das ist der einzige Tag innerhalb einer Woche, der dazu verdammt ist, den Résumé-Anspruch zu bedienen. Wir verarbeiten unser Freitag-Abend-Date, probieren vitaminhaltige Pharmazeutika, weil es in der Nacht zuvor zu viele Alkoholika gab, versuchen dem Mitbringsel aus unserem Lieblingsclub dezent zu verdeutlichen, endlich zu verschwinden oder aber wir stehen früh auf, um die Wäsche zu machen. Völlig egal, was wir tun: Sonntags ist es immer die ungeliebte Variante.
Zum einen, weil wir wehmütig auf eine ungezwungene Zeit zurückblicken, zum anderen, weil wir dem nächsten Tag, voller Termine, Pläne und Ansprüche an uns selbst, mitten ins Gesicht starren. Alles ist ein bisschen mehr schwarz, alles ein bisschen weiter weg. Sonntags ist die ganze Welt wie ein Vakuum: nicht zu greifen und ohne Druck erschreckend leicht. Weil Momente plötzlich vergehen.

Mittwoch, 4. April 2012

Sonntag, 1. April 2012

Dear Mr Postman


Manche Dinge eignen sich ganz besonders dazu, sie vor sich herzuschieben: der Abwasch, die Wäsche, der Weg zur Post. Doch spätestens dann, wenn wir keine sauberen Weingläser mehr finden und der Wonderbra zu einer Belanglosigkeit wie dem wöchentlichen Lebensmitteleinkauf ausgeführt wird, haben wir die Wahl: Wir können aus der Flasche trinken und unsere Brüste dem anabolen Supermarktkassierer unter die Nase quetschen. Oder zur Post gehen, um endlich diesen verdammten Brief abzuholen.
Ich gehe davon aus, dass an mich gerichtete Nachrichten in Papierform ihren Weg durch meinen Briefschlitz finden. Und das nervige Quietschen mit darauffolgendem Knallen am Morgen ist Beweis dafür. Doch lassen sich manche Sendungen allem Anschein nach nicht so ohne weiteres durch diesen größentechnisch beschränkten Einwurf schieben. So bleibt für mich nur eine Benachrichtigung darüber, dass mich jemand über etwas zu benachrichtigen versucht.
Der Regelfall verhält sich wie folgt: Es vergehen Tage, manchmal sogar Wochen, bis ich die Zeit, Lust und nötige Neugier zusammenhabe, um mich in der Poststelle nach dem Verbleib meiner Sendung zu erkundigen. Sind es doch nur in den seltensten Fällen Schriften, deren Inhalt mich überraschen. Eigentlich handelt es sich meist um die üblichen Laster: Rechnungen, deren Erinnerungsschreiben und deren Mahnungen. Auch diesmal war es verwechselnd ähnlich. Nur durchlief der Brief sogar eine Vielzahl an Zustellungsversuchen. Doch alles Falten, Knüllen und Zwängen nützte nichts. Genauso wenig wie das Klingeln des Postboten. Denn mein Briefschlitz behielt seine zu kleinen Maßen und ich war zu beschäftigt, abgelenkt oder gerade dabei, meine innere Mitte zu finden – und dabei alle äußerlichen Wahrnehmungen auszublenden. Erfolgreich.
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis mich endlich das Schwarz-auf-Weiß erreichte. Den Absender kannte ich. Und es war keine Rechnung oder Mahnung. Aber eine Erinnerung. Und zwar daran, mich zu erinnern. Und es nicht mehr vor mir herzuschieben.

Montag, 12. März 2012

Kussecht


Schlechte Erfahrungen überdauern alles. Sie sind wie spröde Lippen, die an kalten Wintertagen aufreißen und brennen: Egal, welches Wundermittel du versuchst – dieses Spannen in den Mundwinkel bleibt. Und selbst im Sommer, wenn der Lipgloss mit Moisture-Effekt die Lippen zum Glänzen bringt, weißt du noch, wie sie sich angefühlt haben. So etwas vergisst man nicht.
 
In dieser Weise verhält es sich auch mit Lebensmomenten, die uns von unserer inneren Mitte abbrachten, die uns dazu zwangen, uns selbst in der jämmerlichsten Pose von oben zu betrachten und nichts als allesergreifende Leere zu empfinden. Das ist es, was sich tief in uns festkrallt.
Und so passiert es, dass Probleme aus Problemen entstehen; dass wir nicht anders können, als wir eben können und nach dem Aufprall völlig erschöpft den zehnten Stock erreichen, um noch einmal zu springen. Schließlich geschieht der Durchbruch in der Seelenheil-Sitzung nicht etwa mit dem Satz: „Ich bin total verkorkst, weil ich in der vierten Klasse beim Lesewettbewerb gewann.“ Sondern weil wir uns erinnern – an das Schlechte. An das, was wir offensichtlich bislang übermalt hatten, um den Sommer mit den neuen Farben zu genießen – das uns aber bei jedem Nachziehen vor dem Spiegel durchzuckt. Denn ganz egal, wie viel wir auftragen: Der nächste Winter kommt. Und allein der Gedanke daran liegt wie ein mieser Grauschleier über der Bunte.
Wir könnten sie, frei von greller Chemie und völlig auf sich allein gestellt, abheilen lassen, erwachsen und ganz natürlich mit dem Gedanken umgehen, dass das nicht zwingend das letzte Mal gewesen sein muss. Aber weil wir wissen, dass diese sensible Stelle unseren Worten Formen verleiht und gelernt hat, ein Lächel so wunderschön vorzutäuschen, liegt es manchmal näher, sich gegen die schmerzhafte Aufarbeitung zu entscheiden – und im Farbrausch zu kussecht zu wechseln.

Dienstag, 14. Februar 2012

Cheers


Mit Männern verhält es sich manchmal wie mit dem Lieblingsgetränk: Über die zahlreichen Bar-Abende hinweg hat man herausgefunden, auf welche Basis man besonders steht, welche Komponente das Ganze noch toppen – und ob man auf Cocktailkirschen verzichten kann oder eben nicht. Wurde man also eines Abends, völlig unerwartet und ahnungslos, von einem sagenhaften Mix an Spirituosen, Säften und schönster Deko völlig um den Verstand gebracht, möchte man nur noch ihn, den Einen. Diese eine besondere Mischung aus sauer, süß und viel zu stark, die die Ohren sausen und die Mundwinkel so beschwingt nach oben schnellen lässt.
Dann: der Morgen danach. Die Erinnerung verschwimmt, das letzte Nippen verschwindet gedanklich zwischen Nikotin und Käse-Nachos und der Abend bleibt als buntes Aquarell in unseren noch zerzausten Köpfen. Bis das Gedächtnis nur noch mickrige Überbleibsel dieser besonderen Begegnung zusammenkratzt und wir es wieder brauchen: dieses Kribbeln in der Zunge, bevor sie taub wird und die warmen Wellen, die nach dem ersten Lippenbefeuchten selbst unser Rouge noch erröten lassen. Doch was kommt? Enttäuschung. Denn was unseren Puls im Stammlokal noch vor zwei Wochen zum Rasen brachte, ist jetzt viel zu bitter, treibt uns die Tränen in die Augen und lässt uns zeitgleich panisch nach Luft schnappen. Ein guter Drink ist eben nicht zwingend ein guter Drink, nur weil alle Zutaten in ihm vereint sind – die feinfühlige Mischung macht’s.


Ich für meinen Teil bin ein großer Freund des Whiskey Sours: Da hast du etwas wirklich Starkes, etwas fast schon Fundamentales, neben dem du noch mehr Mädchen sein kannst, als es der pinke Lippenstift am Gläserrand eh schon zulässt. Dazu die Zitrone. Pur würde sie vielen von uns den blanken Schmerz ins Gesicht jagen – in Kombination mit der richtigen Menge an fast schon widerlich süßem Zuckersirup hingegen bildet das die Perfektion an geschmacklicher Berg-und-Tal-Fahrt.
Doch die Erfahrung lehrte mich, dass mir auch ein Whiskey Sour den Abend verderben kann: Indem er nur stark ist – ganz ohne süß-saurem Zungenspiel. Oder viel zu süß. Oder zu sauer. Oder – und das ist wohl der schlimmste aller Fälle – ohne Whiskey.
In der Karte finde ich ihn überall unter seinem Namen, er ist ein Klassiker. Aber es passiert nur wirklich selten, dass er mich so umhaut wie beim ersten Mal. Ich kann demnach zweifelsfrei sagen, dass ich in mehr Gläser voll Gepanschtem als gut Gemixtes hineinsah.
So laufen wir alle Gefahr, uns mit der Zeit mit den billigen Fusel-Klonen und dem verhunzten Zuckerrand einfach abzufinden. Weil wir den Unterschied nicht mehr bemerken. Und schnell vergessen wir den Grund, warum wir eigentlich immer auf die Cocktail-Happy-Hour verzichteten, um lieber einen Longdrink zu bestellen. Und beginnen zwangsweise, an viel zu Süßem oder etwas mit Wodka Gefallen zu finden.
Ich habe ihm noch mal eine Chance geben. Weil ich in alten Erinnerungen schwelgte. Oder einfach nur keine Lust mehr auf „Spanish Temptation“, „Watermelon Man“ und all die anderen Schirmchen-Variationen hatte. Ich versuchte es einfach; an dem Mahagoni-Tresen auf dem schwarzen Leder-Hocker, weil der Barkeeper so unglaublich weise aussah.
Und als ich diesen charmanten Klassiker der alten Schule im Tumbler in meiner Hand schwenkte, die Cocktailkirsche schon zwischen den Fingern zwirbelnd, wusste ich, warum ich ihn mehr mochte, als all die anderen in schillernden Chemie-Farben, mit kiloweise Tropen-Obst verziert: Weil er klassisch war. Und weil ich ihn genau so mochte. Nur hatte ich ganz vergessen, wie die richtige Mischung schmeckte.

Montag, 13. Februar 2012

Felsenlose Brandung



In dieser mehr als wirren Welt sind wir dankbar für jeden Fels, der unumstößlich in der Brandung steht – ganz egal wie hoch die Wellen schlagen. Weil diese wenigen einzelnen uns Sicherheit bieten; keine Fragen aufwerfen. Selbst wenn ihre Existenz Schmerz verheißt. Wir wissen es ja.
Schwierig wird es, wenn diese festen Gegebenheiten keinen Halt mehr finden. Wenn sie davon gespült wurden. Wenn ein gängiges Verhalten keine Verwendung mehr findet und dafür von völlig Absurdem ersetzt wird.
Was machen wir ohne all die Klischees, Schubladen und vorgefertigten Deutungsmustern? Wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, aber kein Fels weit und breit zu sehen ist? Wir können noch einen Schritt weiter gehen, bis auf die Zehenspitzen. Oder einfach zurück ans Land, um von dort aus die Weite zu genießen. 
Sind wir also eher bereit, einen brüchigen Felsen zu greifen, als uns in warmen Gewässern treiben zu lassen – mit der Option, eine ganze Insel zu entdecken?